Das Buch der Wandlungen

Der Mensch hat schon sehr früh als Jäger und Sammler den Wunsch gehabt, die Zukunft zu kennen. Die ersten Orakel gaben ein "Ja" oder "Nein" als Antwort auf eine Frage oder boten zwei Möglichkeiten an: "Sollen wir zum Winter den Lagerplatz wechseln?" "Ziehen wir weiter nach Westen oder Osten?" "Nehmen wir Windows oder Linux?"

Auch das Buch der Wandlungen baut darauf auf.

Ein "Ja" wurde durch eine ganze Linie angedeutet   das junge Yang
Ein "Nein" durch eine gebrochene Linie

Die Fragen wurden differenzierter, das Bedürfnis nach mehr als zwei Antworten wuchs.

Durch Verdoppelung dieser Linien ergaben sich neue Kombinationen:

Die acht Grundzeichen entstanden, indem noch eine dritte Linie hizugefügt wurde:

Diese acht Zeichen sind Bilder wechselder Übergangszustände. Die ganze Linie wandelt z.B. ein Zeichen, es wandert ab dem dritten Zeichen aufwärts, um von der gebrochenen Linie abgelöst zu werden.
Das Augenmerk gilt der Bewegung der Dinge in ihrem Wechsel. Die Zeichen sind Abbildungen davon, so wie z.B. auf den Winter der Frühling folgt. Diesen acht Grundzeichen wurden dann Namen, Eigenschaften, Bilder, Familienmitglieder usw. zugeordnet.

Auch diese acht Bilder wurden dann wieder miteinander kombiniert, so dass sich die Zahl von 64 möglichen Kombinationen ergibt. Jedes dieser 64 Zeichen besteht aus sechs Linien, die positiv oder negativ gelagert sind. Diese Linien bauen sich von unten nach oben auf und sind wandelbar, aus einer ganzen kann eine gebrochene Linie werden, und umgekehrt. Sooft eine Linie sich wandelt, erhält man ein zweites Zeichen. Der Zustand, der vom ersten Zeichen dargestellt wird, geht in einen anderen über, dargestellt durch ein zweites Zeichen. Die sich wandelnden Linien werden durch ein Kreuz bzw. einen Kreis in der Mitte dargestellt.
In den einzelnen Zeichen bedeuten die beiden unteren Linien die Erde, die mittleren das Gebiet der Menschenwelt, die oberen den Himmel.

Hier ein Beispiel mit Wandlung:

Grundzeichen Orakel Wandlung
Platz 6
Platz 5
Platz 4
Platz 3
Platz 2
Platz 1
12. Pi / Die Stockung 53. DsiŽn / Die Entwicklung (Allmählicher Fortschritt)

Diese Darstellung erscheint auf der Seite Orakel.

Das Zeichen in der Mitte ist das Ergebnis vom Schafgarbenorakel oder vom Münzorakel. Das sollte auf Papier notiert werden ! Stellt man sich die dritte und vierte Linie vom Orakel ohne Kreuz bzw. Kreis vor, so erhält man das Grundzeichen auf der linken Seite, das ist der Ausgangspunkt. Durch die Wandlung der Linien auf Platz drei und vier erhält man das rechte Zeichen, die Wandlung. Aus einer gebrochenen Linie auf Platz 3 wird eine ganze, aus einer ganzen Linie auf Platz 4 wird eine gebrochene. Im Text zum Grundzeichen heißt es dann: "Wandlung auf Platz 3" und "Wandlung auf Platz 4". Hier werden oft eindeutige Hinweise gegeben. Man sollte dann über den Text zum Grundzeichen und die entsprechenden Wandlungshinweise nachdenken. Es besteht die Möglichkeit zur Wandlung von "Pi / Die Stockung" zu "DsiŽn / Die Entwicklung (Allmählicher Fortschritt)". Auch über den Text im zweiten Zeichen sollte man sich Gedanken machen. Die Texte der sich wandelden Linien gehören im zweiten Zeichen nicht dazu.

Ist das Ergebnis des Orakels ein Zeichen ohne sich wandelnde Linien dann sieht das Ergebnis so aus:

Hier ein Beispiel ohne Wandlung:

Grundzeichen Orakel Wandlung
Platz 6
Platz 5
Platz 4
Platz 3
Platz 2
Platz 1
11. Tai / Der Friede keine Wandlung

Das ermittelte Zeichen erscheint in der Mitte (abzeichnen!). Alle drei Zeichen sind identisch, da es keine sich wandelnde Linien gibt. Der Text zum Zeichen "Tai / Der Friede" sollte betrachtet werden.

Jede Situation, in der man Hilfe braucht, erfordert eine besondere Handlungsweise, sie kann richtig oder falsch sein, es kann zu Glück oder Unglück führen. Der König Wen, der um das Jahr 1000 v. Chr. in China lebte, und sein Sohn, Herzog von Dschuou, versahen damals diese 64 Zeichen des I Ging mit Ratschlägen für richtiges Handeln. Die Grundfrage lautet: "Was soll ich tun?". Das Buch der Wandlungen kann Hinweise geben, was man tun soll. Das Orakel beantwortet nicht die Frage, wann der nächste Steinbrocken in der Größe des Mt.Everest auf die Erde fällt (das hat damals allerdings eine Wandlung für die Erde zur Folge gehabt). Es zeigt, bildhaft verschlüsselt, die Gegenwart und die Richtung (den Wandel) in die sie tendiert.
Bevor man das Orakel befragt, sollte man sich in Ruhe seine gegenwärtige Situation klar machen und sich eine Frage überlegen. Man hat verschiedene Möglichkeiten, ein Zeichen zu erhalten:
Zur letzten Möglichkeit gibt es Anmerkungen auf der Seite Computerorakel.

Zum Münzorakel benötigt man drei Münzen. Ein Wurf gibt eine Linie. Das Zeichen mit den sechs Linien baut sich relativ einfach und schnell auf. Vorher legt man fest, welche Seite der Münze Yin und welche Yang ist. Zum I Ging gehören chinesische Bronzemünzen, die auf der einen Seite Schrift zeigen. Diese Seite zählt als Yin. Hier ist das die Seite mit den Wappen, Wappen ist Yin oder "Yin und Yang","Wappen und Zahl".

DasSchafgarbenorakel erfordert mehr Einsatz. Wer die Pflanze nicht kennt, muss sich zunächst ein Bild davon machen. Hier sind die Suchmaschinen des Internets sehr hilfreich, oder man fragt jemanden, der es wissen könnte. Es gibt auch wunderbare Pflanzenbücher, oder rufe ich einfach meinen Lehrer von damals wieder an? Zu welcher Jahreszeit kann ich diese Pflanze finden?
Nun heißt es, geeignete Standorte der Pflanze ausfindig zu machen, in der sie in genügend großer Zahl wächst, man möchte schließlich mindestens 50 Stück von etwa gleicher Größe mitnehmen, die gerade gewachsen sind. Vielleicht werden es auch ein paar mehr, da der Hund später eine Vorliebe für die Stäbchen entwickelt.
Der Besuch bei Mutter Natur erfordert Respekt, die Schafgarbe wurde als heilige Pflanze angesehen. Die Pflanze sollte also schon in großer Zahl vorhanden sein. Hier muss man sich mindestens 50 mal entscheiden, also nicht mit der Sense anrücken, sondern schon das erste Mal das Abzählen üben. Zu Hause entfernt man das Blattwerk und die Blüten und schneidet die erforderliche Anzahl auf gleiche Länge, passend für die eigene Hand. Natürlich bekommen sie einen extra Platz (wegen dem Hund). Insgesamt ist es ein hübsches Bündel Stäbchen. Die Vorbereitungen sind getroffen.
Bevor man das Orakel befragt, hat man sich bei dieser Methode schon sehr intensiv mit dem Buch der Wandlungen auseinandergesetzt, die Schafgarbe hat sich gewandelt, die frische Luft hat gut getan, auch der Hund liegt an diesem Abend zufrieden in seinem Korb und jagt nicht wie gewohnt Nachbars Katze hinterher. Bei der Suche kann man nette Menschen kennenlernen oder sonst eine interessante Entdeckung machen. Auf der Schafgarbenexpedition findet man nebenan auf der Wiese einen halbverhungerten Wellensittich. Nachdem man den Vogel aufgepäppelt hat, holt man einen zweiten dazu, Wellensittiche sind nicht gern allein (Yin Yang). Jetzt hat man zwei wunderschöne fliegende Minisaurier, und schon hat man das Buch der Wandlungen ganz vergessen ("Der fliegende Vogel bringt die Botschaft"). Es kann auch passieren, dass einem ein Hund über den Weg läuft, der sich entscheidet mitzukommen ("Halte wahr und treu zu ihm: das ist kein Makel."). Auch gut! Auf die Wandlung kommt es an!
Ich benutze das Schafgarbenorakel, es hat mir schon oft verblüffende Ergebnisse geliefert. Bis man ein Zeichen aus sechs Linien erhält braucht es Ruhe und Zeit, in der man beim Abzählen der Stäbchen über die gestellte Frage meditieren kann. Hermann Hesse hat das Schafgarbenorakel in seinem Buch "Das Glasperlenspiel" wunderbar geschildert.

Allen Suchenden und Versuchenden wünsche ich viel Erfolg. Heinz Schulte